E U R O P A F O R U M

SPD Schleswig-Holstein

13. November 2012

Soziale Demokratie
Oskar Negt: Gesellschaftsentwurf Europa

Oskar Negt | Foto: Steffen Voß
Oskar Negt | Foto: Steffen Voß

Der Sozialphilosoph Oskar Negt war am 13. November 2012 auf Einladung des Kulturforums Schleswig-Holstein und des Literaturhauses zu Gast in Kiel, um über über sein aktuelles Buch „Gesellschaftsentwurf Europa“ zu referieren und zu diskutieren. Seine Streitschrift war auch eine Antwort auf „Zur Verfassung Europas“, in der Jürgen Habermas vor allem die stärkere demokratische Legitimation Europas forderte. Oskar Negt aber sprach darüber, dass Europa nicht nur ein Europa der Unternehmen sein kann, sondern auch ein solidarisches, menschliches Europa sein muss.

Oskar Negt sprach über die drei Säulen Rechtsstaat, Demokratie und Sozialstaat auf denen die europäischen Gesellschaften seit dem 2. Weltkrieg errichtet wurden und wie bestimmend sie für unsere Kultur seien. Der Konsens darüber sei auch ein Grund für den andauernden Frieden auf dem „Schlachtfeld Europa“. Weniger soziale, solidarische Gesellschaften seien oft gewalttätigere Gesellschaften, in denen der Sicherheitsstaat ausgebaut sei. In den USA säßen zum Beispiel 10x mehr Menschen in den Gefängnissen als in Deutschland. Wir befänden uns mit der Drittelung der Gesellschaft auf einem gefährlichen Weg: Ein Teil der Menschen bekämen überhaupt nichts von der Krise mit. Die Mitte befände sich in einer Situation der permanenten wirtschaftlichen Bedrohung und ein weiteres Drittel sei komplett abgehängt.

Eine Gesellschaft könne nicht stark sein, wenn sie sich immer mehr fragmentiere. Der Mensch brauche Haltepunkte im Leben. Das widerspreche aber der kapitalistischen Verwertungslogik, die besser funktioniere, wenn die Menschen nicht an den Dingen hingen und sich ständig neu organisierten. Wichtig sollte aber nicht der individuelle Besitz sein, sondern die Arbeit für das Gemeinwesen. Dazu bedürfe es vor allem entsprechender Bildung. Schulen müssten Erlebnisräume für Gemeinschaft sein. Er plädierte außerdem für verstärkte europäische politische Bildung. Er regte eine Art lebenslange Schulpflicht an. Anders ließen sich die Unterschiede zwischen Finnland und Portugal nicht überbrücken.

In der Diskussion mit dem leicht angegrauten Publikum verlief sich Negt abseits seiner ausgetretenen Wege zwischenzeitlich im Unterholz. Und es war nicht ganz klar, ob er sein Publikum nicht nolens volens in die entgegengesetzte Richtung führte. Wer auf der einen Seite gegen Eliten und Elitenbildung wettert, kann nicht unwidersprochen lassen, wenn jemand im Publikum einen Führerschein für die Teilnahme an demokratischer Politik fordert. Wer dann Peer Steinbrück und Christian Wulff gleichsetzt, begibt sich auf genau den schmalen Pfad, auf den er nicht wollte. Applaus gibt es dafür natürlich. Dabei wollte Oskar Negt doch eigentlich dazu ermuntern die Zukunft Europas mutig in die Hand zu nehmen.

Auch wenn man Oskar Negt nicht in allen Ideen folgen konnte – Die Besucher des Literaturhauses konnten sicher genügend Futter für weitere Gedanken mitnehmen.

Oskar Negt: Gesellschaftsentwurf Europa. Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen
Steidl Verlag, Göttingen 2012
120 Seiten, 14 Euro

Video

Bei arte.tv gibt es ein Interview mit Oskar Negt zu seinen „Gesellschaftsentwurf Europa“:

Steffen Voß

Arbeitet als Online-/Social-Media-Referent bei der SPD Schleswig-Holstein und ist hier als Mitglied des Arbeitskreises Digitale Gesellschaft der SPD Schleswig-Holstein als ehrenamtlicher Admin erreichbar. Alle Meinungsäußerungen sind privat.

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